August 23rd, 2014

Lugansk - Notizen aus einer toten Stadt, oder Willkommen in der Hölle.

Meine Heimatstadt ist nun bekannt in der ganzen Welt. Nur deren Einwohner wissen von ihrem Ruhm nichts. Bereits dritte Woche leben sie ohne Wasser und Strom, ohne Internet und Telefon. Man schläft mit dem Feuer der Grad-Raketenwerfer ein und wacht vom Artilleriefeuer auf.

Züge fahren nach Lugansk keine mehr, die Gleise sind zerstört. Doch noch vor einer Woche konnte man aus Moskau nach Lugansk über den Grenzkontrollpunkt Izwarino mit dem Bus gelangen. Es sind nicht viele die in die belagerte Stadt fahren wollen, im riesigen „Ikarus“ sind nur 10 Leute, fast alle fahren, wie ich auch, um ihre Angehörigen da weg zu bringen. Hauptsächlich Alte, die es alleine nicht mehr schaffen. Izwarino ist der einzige Grenzübergang, der von der Volkswehr kontrolliert wird. Auf der Russischen Seite heißt er Grenzübergang-Donezk.

Noch weit vor „Donezk“ sieht man die Zeltlager der Flüchtlinge – diese wurden weiter weg von der Grenze verschoben, um nicht von den ukrainischen Geschossen getroffen zu werden, die immer noch über die russische Grenze fliegen. Als regelmäßiger Konsument ukrainischer Massenmedien halte ich nach russischen Panzern und Soldaten Ausschau, die sich vor der Grenze sammeln sollen. Vergebens. Dafür sehe ich unendliche Kolonnen von Autos mit Lugansker Kennzeichen.

Ein Krieg ist ein Krieg

Aus der Stadt raus gelassen werden nur Frauen, Kinder und Alte. Zwei Wochen zuvor verbot der Volksgouverneur der Lugansker Volksrepublik Bolotov den Männern im Alter zwischen 18 und 60 Jahren die Stadt zu verlassen. (Er trat vor wenigen Tagen zurück. Igor Plotnizkij übernahm seinen Posten).
„Dann werden wir eben zusammen sterben“ – sagt eine schwarzhaarige, müde aussehende Frau mit einem dürren Jungen und einem dreizehnjährigen Mädchen. Der Sohn wurde vor etwa einem Monat 18 Jahre alt. Über die Grenze nach Russland ließ man ihn  deswegen nicht und ohne den Sohn wollte sie nicht fahren.

„Wir beten nur zu Gott, dass es sofort passiert. Gott bewahre man bleibt behindert, ohne Beine und Arme. Umso mehr jetzt, wenn nicht einmal mehr der Notarzt kommt. In ganz Lugansk arbeiten nur ein paar Apotheken und auch die haben kaum noch Medikamenten“ – sagt die Frau, die Irina heißt, müde und emotionslos. Sie ist in Lugansk geboren. Arbeitete zwanzig Jahre lang bei „Luganskteplowos“. Wollte bis zuletzt nicht weg fahren. Nur als es kein Wasser und Strom mehr gab und Probleme mit Lebensmittelversorgung anfingen, entschied sie – man muss die Kinder retten. Aber es war zu spät...


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

… Lugansk empfängt uns mit unerträglicher Hitze, fast schon wie in Taschkent, und angsteinflößender Stille. Gerissene Elektrokabel am Boden, Einschlaglöcher verschiedenster Größen und von Geschossen durchlöcherter Asphalt. Dazu hängt über der Stadt eine Glocke aus Gestank – der Mühl wird nicht mehr überall abtransportiert, Gemüse verrottet  in den Lagern, an den Straßenrändern liegen Tierkadaver. Noch ein paar Wochen und es wird hier eine Epidemie geben – es wird hier ungefiltertes Wasser getrunken und der sich in der Hitze zersetzender Müll tut das Übrige.

Auf den Straßen der ehemals halbe Million Einwohner großen Stadt, gibt es keine Autos mehr. Menschen auch nicht. Ich erkenne die Stadt kaum wieder – „Ingenernij Korpus“ und das angrenzende Autohaus sind zerbombt. Im Südviertel gibt es kaum noch ganze Häuser. Viertel Mirnij liegt in Schutt und Asche. Noch schrecklicher sind die Zerstörungen am Busbahnhof – die Haltestelle, Cafe und Supermarket sind weg. Buse fahren hier keine mehr, dieses Viertel gilt als eines der gefährlichsten. Die Stadt verlassen kann man nur vom Eisenbahnbahnhof oder vom Kulturzentrum „Stroitelej“ – von hier fahren Minibusse und Sammeltaxis Richtung Izwarino. Nicht weit von hier am Stadion „Avangard“ versuchen Menschen Richtung Ukraine weg zu fahren – nach Starobelsk und Kharkow. Da ist der sogenannte grüne Korridor über den die Einwohner von Lugansk die gefährlich gewordene Stadt verlassen können.

Jeden Tag Tote.

Bereits am zweiten Tag spüre ich die fürchterliche Ausweglosigkeit und Angst. Und noch Müdigkeit – durch die Stadt muss man sich, bei glühender Hitze, zu Fuß fortbewegen. Bereits nach 13 Uhr fahren keine Sammeltaxis mehr.
Aufzüge gehen auch nicht. Ich wohne im 8. Stock. Fernseher bleibt dunkel, Zeitungen erscheinen nicht, deswegen bleibt als einziger Weg zum Informationsaustausch das „Kleiderrock-Radio“ – wenn die Hitze abklingt, sammeln sich Menschen zu kleinen Grüppchen in den Haushöfen und besprechen immer dieselben Themen – welches Viertel wurde beschossen, wo gibt es Wasser und wann ist das alles endlich zu Ende.




Fotos RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

    „Ihr werdet sehen, in einer Woche stehen hier Russische Truppen. Putin lässt uns nicht im Stich“ – sagt ein nicht alter, aber bereits grauhaariger Armenier Alik vom Nachbarhaus.
   „In zwei Tagen ist hier die Nationalgarde, Putin braucht weder uns noch Lugansk“ – erwidert ein großgewachsener alter Mann unbekannten Namens.
„Und ich hoffe doch auf Russland“ – unterbricht eine junge Frau ihr Gespräch. „Meine ganze Familie wartet darauf, dass das Russische Friedenskontingent hier eintrifft“
   „Alle haben uns verlassen, man hat den Eindruck auf der Osterinsel zu leben und nicht im Zentrum von Europa“ – sagt meine Schulfreundin Elena Bodrik. Sie ist nur mit Glück dem nächtlichen Bombardement lebend entkommen, kann die Stadt aber nicht verlassen, ihr fehlt schlicht das Geld.


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

Nur auf den ersten Blick scheint es, dass die Stadt menschenleer ist. Tatsächlich verstecken sich die Menschen bloß zu Hause vor dem Artilleriebeschuss. Früh morgens schwärmen sie aus, um Wasser zu holen und wenigstens irgend etwas zum Essen zu besorgen. Nach den Angaben der Stadtverwaltung sind immer noch etwa 250 Tausend Menschen in der Stadt. Hauptsächlich die Alten, Familien die keine Geld zum Wegfahren haben und die die ihre Häuser oder Geschäfte nicht verlassen wollen. Wie viele Menschen hier bereits getötet wurden, weiß niemand genau. Im Rathaus schätzt man etwa 200. Doch das sind nur die, die an ihren Verletzungen gestorben sind. Wie viele alte Menschen sind an fehlenden Medikamenten und ohne Hilfe gestorben? Es sind immer noch sehr viele Kleinkinder bis 7 Jahre in der Stadt. In einer Schlange für die Humanitärhilfe sah ich etliche schwangere Frauen mit Kleinkindern am Arm. Ältere Kinder – zehn, zwölf Jahre alt – tragen Wasserflaschen wie die Erwachsenen auch. Mir blutet das Herz wenn ich die achtzigjährigen Omas mit Rollwägen sehe.

Kostja Sewerin, der Burder meiner Freundin, wohnt zusammen mit seiner Frau Larissa und dem sechsjährigen Sohn Andrej in einem riesigen Einfamilienhaus. Sie haben ein eigenes Business.
Verstehen Sie mich, ich kann meine Kunden nicht hängen lassen“ – sagt Larissa, sich fast entschuldigend. „Ich habe im Haus Waren für ziemlich viel Geld und diese müssen in eine andere Stadt geliefert werden. Aber zur Zeit ist das nicht möglich. Lugansk ist von allen Seiten umzingelt“.
Larissa hat einen Herzfehler. Die Medikamente sind bereits seit zwei Wochen alle. Deswegen hat sie vor durch alle Blockposten nach Kiew zu fahren, sonst wird sie einfach sterben.


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

  „Ich habe sehr große Angst, wenn geschossen wird“ – sagt mit einer witzigen Kinderstimme der kleine Andrej, „aber der Papa sagt ich soll keine Angst haben. Wir haben ein festes Haus, es wird halten…“. Gut, dass der Andrjuscha nicht weiß, dass in der Nachbarstrasse ein Geschoss ein genau so „festes“ Haus getroffen hat und alle drin wohnenden von den Trümmern erschlagen wurden.

… die Kommunikation in der Stadt ist ausgefallen. Telefonieren kann man nur in einem kleinen Stadtgebiet – neben dem Viertel „50 Jahre Oktober“. Hier bin ich um Mittag mit dem Taxi hergekommen. Mit dem Sammeltaxi traute ich mich nicht zu fahren. Am Tag zuvor wurde so ein Sammeltaxi neben der  Ostukrainischen Universität von einem Geschoss direkt getroffen. Acht Menschen waren sofort tot. Die Leichen wurden schon weggebracht, aber man kann noch immer die Blutlachen sehen.
Mehrmals konnte ich Tote direkt auf der Straße sehen – die lagen da, mit einem Tuch bedeckt. Und das bei 40 Grad Hitze.

Der Taxifahrer Sergej, ehemaliger Fallschirmjäger, erlaubt mir mit seinem Mobiltelefon zu telefonieren – er hat Kiewstar (Mobilfunkanbieter), andere Netze gehen hier nicht.

  „In solchen Situationen müssen Menschen einander helfen“ – sagt er. Später stellt sich heraus, dass er bei der Volkswehr war.
  „Ich bin gegen die Kiewer Junta, wenn die siegen sollten, werden sie hier alle umbringen. Oder im besten Fall ins Gefängnis wegen Separatistenunterstützung werfen. Es gibt kein Zurück mehr.“


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

Über Waldwege

Bereits weit zwei Tagen versuchen wir erfolglos nach Izwarino zu kommen. Gleich hinter der Stadt, bei der Siedlung Nowoswetlovka wird gekämpft. Das Taxi mit dem wir fahren, wird von der wild winkenden Volkswehr gleich an der Stadtgrenze zurückgeschickt – hier nicht, kein Durchkommen. Als Beweis bohrt sich in wenigen Metern neben dem Fahrzeug mit einem lauten Pfeifton ein riesiger Geschosssplitter in den Asphalt. Der Taxifahrer reißt den Lenker um, wir fahren zurück. Am zweiten Tag bietet uns ein waghalsiger  bärtiger Mann uns für 500 Dollar durch die Mienenfelder zu fahren, er behauptet einen sicheren Weg zu kennen.

  „Glaubt ihm nicht. Man wird aus euch sofort Hackfleisch machen.“ – kommentieren die anderen, vorsichtiger gestimmten Taxifahrer das Angebot.

Nachts konnte ich überhaupt nicht schlafen. In der Nähe fielen Geschosse und schossen Grad-Raketenwerfer. Der Gefühl, diese tote Stadt nie mehr verlassen zu können, wurde immer stärker.  Gleich in der Morgendämmerung wurde die Entscheidung getroffen die Stadt durch die Blockposten der Nationalgarde zu verlassen. Um mit dem Taxi nach Starobelsk zu kommen wurden 1000 Grivna fällig, obwohl nur etwas mehr als 100 Km zu fahren sind. Ein Sammeltaxi in diese Richtung gäbe es auch, aber dieses fährt nur ein Mal pro Tag und die Schlange ist bereits eine Woche lang.

… Gefahren wurde über Waldwege, dann über Sand. Der Wagen wurde hin und her geworfen. Dann kamen wir an einem Blockposten der Volkswehr raus. Exotisch aussehender riesiger Mann mit Mütze und ungeachtet der tropischen Hitze in irgendeiner Art „Watnik“ (russischer Filzmantel), höchstwahrscheinlich ein Kazake, zieht unseren Fahrer am Kragen aus dem Auto:
  „Du, Räuber, nimmst die Omas aus? Wenn ich höre, dass du von denen einen Tausender verlangt hast, schieße ich dir die Reifen und die Beine durch“.
Der Taxifahrer murmelt irgend etwas Unverständliches zu seiner Verteidigung.  Als wir dann weiter fahren fällt er uns an: „Kein Wort mehr vom Geld. Ihr fahrt umsonst, Punkt aus. Sonst könnt ihr nach Starobelsk zu Fuß laufen…“. Bis nach Stschastje fahren wir in vollkommener Stille. Dort warten auf uns ein Filtrationslager und das Bataillon „Aidar“.


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

Das Bataillon „Aidar“

Bis nach Stchastje müssen wir durch fünf Blockposten der ukrainischen Armee durch. Diese ähneln sich einander wie Zwillingsbrüder – weiße Sandsäcke, gelb-blaue Flaggen und Männer in Tarnanzügen mit Kalaschnikow-Gewehren in der Hand. Überall muss man raus und die Pässe vorzeigen. Gleichzeitig kontrollieren die Soldaten unser Gepäck – manchmal durchaus höfflich, manchmal alles auseinander schmeißend – Unterwäsche, Pullis, Pantoffeln…

Mit mir fahren Alte – meine Mama, die bereits über 80 ist, und ein intelligentes Paar gleichen Alters. Stumm vor Angst schaffen sie es gerade ihre Lippen in lautlosem Gebet zu bewegen. Übrigens gibt es auch in den Reihen der ukrainischen Armee, besonders bei den Wehrdienstleistenden, durchaus herzliche Menschen – an einem der Blockposten wird unserem vor Angst und Schwüle wirr gewordenem Fahrer geholfen ein vom Waldfahren beschädigte Rad zu wechseln. Die jungen Soldaten teilen ihr Trinkwasser mit uns. Die Hitze ist unglaublich, und unser Wasser ist für den Kühler draufgegangen, der wegen Überhitzung buchstäblich kocht.

In Stchastje befindet sich das Filtrationslager. Im Hof der örtlichen Polizeistelle stehen Tische mit hübschen Mädchen in ukrainischen Polizeiuniformen dahinter. Die nehmen unsere Fingerabdrücke, machen Fotos und schreiben akribisch unsere Passdaten, Telefonnummern und Reiseziel auf. Das wird alles manuell gemacht, Computer sucht man hier vergebens. Ein Windstross weht die Papierseiten vom Tisch, ohne dass jemand einen Anstand macht diese wieder aufzusammeln.


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

  „Unnützes Geschreibsel, Zeitverschwendung“ – kommentiert unsere Fahrer die Prozeduren. Während wir gebratene Piroggen, Kartoffeln mit Äpfeln und Wasser einkaufen, ist er dabei das auseinander fallende Auto zusammen zu flicken. Obwohl Stschastje nur 20 Km von Lugansk entfernt ist, brauchten wir für den Weg drei Stunden.

Hier ist die Zivilisation – Mobilfunk funktioniert, in den Geschäften surren Kühlschränke, es werden Piroggen verkauft. Haufen Autos mit Lugansker Kennzeichen um uns herum – nach den gestrigen Bombardements rollt wieder eine Flüchtlingswelle aus der Stadt.

Neben dem Geschäft spucken ein paar nett aussehende junge Leute in Tarnanzügen Sonnenblumenkerne durch die Gegend. Auf den Tarnanzügen steht – „Bataillon Aidar - Gott ist mit uns“. Ich kann mich nicht zurückhalten und frage einen hübschen, blonden Soldaten, etwa 20 Jahre alt:
„Jungs, wieso bombt ihr Lugansk, dort sind doch nur Frauen mit kleinen Kindern und alte Menschen geblieben?“
  „Das ist eure Volkswehr. Geschieht euch Recht. Ihr seid alle Separatisten, Geschwür am Körper der Ukraine, seid drei Monat zuvor alle zum Referendum gelaufen und „Russland“ geschrien. Nun soll es Geschosse auf eure Köpfe regnen. Ich würde euch alle umbringen.“ – seine Augen werden weiß vor Wut und ich ziehe mich vorsichtshalber zu dem bereits reparierten Auto zurück.

Bis nach Starobelsk sind es noch weitere 10 Blockposten. Das Prozedere ist überall gleich – Passkontrolle, Gepäckdurchsuchung. Männer im dienstfähigen Alter haben es schwerer, die werden komplett durchgenommen. Besonderes Augenmerk gilt den Schultern. Wer dort Beulen, Abschürfungen oder Schnittwunden hat, sollte lieber zu Hause bleiben, sonst wird angenommen, dass  man eine Maschinenpistole mit sich herumtrug. In einigen Fällen wird man für ein paar Tausend Grivna wieder laufen gelassen. Doch wenn man auf  „Idealisten“ trifft, wird das kaum helfen.


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

In Starobelsk ist das Leben fast friedlich – Restaurants und Cafes haben geöffnet. Viele Autos auf den Straßen. Hübsche Mädchen mit langen Haaren in Stöckelschuhen. Solche trifft man in Lugansk schon lange nicht mehr – sind alle weg, und die die geblieben sind denken nicht mehr an Stöckelschuhe. In Geschäften in die wir von der Hitze flohen schauten uns die Verkäuferinnen mit Angst und Mitgefühl an. „Wie habt ihr es bloß geschafft?“ – heißt es einstimmig.
Der Bus nach Kharkov ist zum Bersten mit Leuten aus Lugansk voll. Viele fahren mit Haustieren. Nebens uns ein Mädchen mit einem hübschen kleinen „Pekinesen“, hinten eine Oma mit sibirischen Kater. „Die sind doch fast wie Kinder, man kann die doch nicht zurücklassen“ – seufzt die Oma.

Der ganze Lugansker Bezirk ist übersät mit Blockposten. Erst als wir den Kharkover Bezirk erreichen atmen wir erleichtert auf – auf den Straßen sieht man weder Soldaten noch Panzer.

… Kharkov empfängt uns mit dem Wohlleben einer große Stadt – Staus auf den Strassen, schöne Frauen in teuren Autos, glitzernde Geschäfte, Fontäne in den Parks. Ich erinnere mich, dass in Lugansk das Wasser aus Fontänen weg getrunken wurde. Gefiltert und gekocht.


Foto RIA Novosti Valerij Melnikow (Валерий Мельников)

„Am meisten haben wir davor Angst, dass der Krieg zu uns kommt“ – sagt der Taxifahrer, der uns zum Bahnhof bringt. Vom Status der russischen Sprache redet keiner mehr. Soll es auch chinesisch sein, Hauptsache es wird nicht gebombt.

Diese Lebenseinstellung – „Mein Hüttchen steht am Rande“ (entspricht etwa: geht mich nichts an, sitze ich lieber aus. Anm. des Übersetzers) – ist fast der ganzen Ukraine eigen. In den zwei letzten Monaten gab es weder in Kiew noch in anderen großen Städten Demonstrationen. Alle haben nur um sich selbst Angst. Die Gedanken über Lugansk oder Donezk werden davon gejagt.

Währenddessen sterben in Lugansk und Donezk Menschen. Jeder Tag bringt neue Toten mit sich. Es sterben die schwächsten und hilflosesten – die Alten und die Kinder.

… Weniger als in einer Woche ist der 1. September (Schulanfang. Anm des Übersetzers). Die Lehrerinnen kauften bereist neue Kleider und die Schüler Schultaschen und Stiftmäppchen. Nur wird es diesen ersten Tag des Wissens nicht für alle geben -  in Lugansk und Donezk bleiben die Schulen zu.

Die Schule Nr.7 in Lugansk ist komplett zerstört. Auch die andere Schule in der ich mal als Lehrerin für Russische Sprache und Literatur arbeitete ist beschädigt. Die Schule, in die ich gegangen bin, schaut mit schwarzen, leeren Fensteraugen in die zerbombte Gegend.

Manche der Kinder leben bereits in Russland, jemand wird in Kiew zur Schule gehen, in Kharkov, Odessa oder Lwow. Und manche werden sich zusammen mit ihren Eltern in den Kellern zerbombter Gebäude verstecken. So ein 1. September.

Manchmal scheint es, als ob die Apokalypse bereits statt gefunden hätte und alles was zur Zeit in Lugansk passiert morgen auch hier passieren wird und die Schrecken von Donbass nicht mit einer Handbewegung abgetan werden können. Und bis dahin wird am Donbass Russland verteidigt…

http://www.ukraina.ru/opinions/20140821/1010233463.html

Irgendwie muss man sie doch gegen Russland aufbringen.

Ukrainisches Facebook, ohne Kommentar.



Und wenn sie uns das Gas nicht verkaufen wollen? Das ist unser letztes Geld. Wenn wir für den Krieg Geld brauchen, wo nehmen wir es dann her, wenn wir dieses hergeben? Was wenn wir ihnen das Geld überweisen uns sie uns trotzdem kein Gas geben? Wir haben doch den Vertrag gebrochen, das könnten sie auch tun. Die könnten sagen, das wäre für das unbezahlte Gas, oder denken sich was anders aus. Das sind doch listige Katzapen. Haben ihren Konvoi nach Lugansk geschickt, und haben ihn durch die Rebellen begleiten lassen, damit die ihn nicht zerbomben, die Schlawiener. So haben weder wir noch die den Konvoi zerbombt. Und was soll man nun damit machen? Jetzt haben sie in Lugansk Essen. Und das Volk wird wieder für Russland sein, und nicht für uns. Wir haben ihnen schon alles zerbombt - die Elektrizität, die Wasser- und Gasleitungen, die Fabriken, und die schauen trotzdem nach Russland. Was sollen wir denn noch zerbomben? Vielleicht den Konvoi in Lugansk. Irgendwie muss man sie doch gegen Russland aubfringen.

Donbassfront. Die Lage zum 24. August

1. Zuerst über die Kampfhandlungen an der Küste. Noch wenige Tage zuvor hätte man deswegen ausgelacht werden können, doch heute begannen die Kämpfe bei Nowoazowsk. Noch in April wurde dort ein gewaltiges Luftabwehrzentrum errichtet und ein Sammelsurium an Einheiten zweifelhafter Kampfbereitschaft stationiert, die die Grenze zu Russland absichern sollten. Nach dem Zustandekommen des Südkessels 2.0 begann die Volkswehr nach Schwachstellen der Junta südwestlich von Marinovka zu suchen. Mit Erstaunen stellte man fest, dass dort so gut wie keine Sicherung existiert. Alles wurde an die Front abgezogen, wodurch sich südlich von Amwrosiewka ein riesiges Loch auftat das nur spärlich durch Deckungseinheiten gesichert ist. Logischerweise sickerten dort die Einheiten der Volkswehr Richtung Südwesten durch. Das erste Ergebnis war die Einnahme des Kontrollpunktes "Uspenka". Danach tat sich vor der Volkswehr ein ungesicherter Raum bis zur Küste auf. Als Folge konnten mehrere Diversionstrupps fast bis nach Nowoazowsk zu den Siedlungen Kholodnoje und Sedowo vordringen und dabei mehrere Blockposten unter Beschuss nehmen. Für die Einnahme der Siedlungen fehlen der Volkswehr hier die Kräfte, doch nach Medienberichten wurden in Mariupol Bombenschutzkeller eingerichtet, was heißt, dass die Junta hier die Fassung verliert. NIcht nur wächst das Loch an der Grenze immer weiter, so zeichnet sich nun, noch in einiger Entfernung, eine Gefahr für Nowoazowsk und Mariupol ab. Die Kräfte der Junta sind hier ungenügend, und wer weiß was da über die Grenze kommen könnte. Ausserdem stimmt das Loch südlich von Amwrosievka nicht eben optimistisch. Insgesamt ist das Geschehen hier noch kein zielgerichteter Angriff, sondern eine Unruhe stiftende Aktion, welche für die Junta zu einer bösen Überraschung wurde. Doch auch von uns konnte keiner erwarten, dass die Kämpfe am Azowschen Meer so bald statt finden würden. Zusammengefasst ist die Tendenz hier für uns positiv.

2. Bei Ilowaisk setzte die Junta heute die Versuche fort mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Praktisch alle kampffähigen Einheiten wurden in den Angriff geworfen. Doch lief dieser sich schneller tot, als die Junta es schaffte erneut die Einnahme von Ilowaisk zu melden. Diese Sturrheit ist ziemlich erstaunlich, besonders wenn man den mehr versprechenden Plan mit Einkesselung und Einnahme von Mospino berücksichtigt, sowie das Loch in der Front südlich von Amwrosievka. Einen strategischen Sinn hat das schon lange nicht mehr. Das ist nur noch der Versuch die Situation mit ungeeigneten Mitteln gewaltsam zu ändern, denn sogar wenn die Junta auf irgend eine wundersame Weise halb zerstörtes Ilowaisk einnehmen und die Volkswehr vertreiben sollte, so würde das nicht mehr als einen taktischen Erfolg vor der wenig schmeichelhaften Gesamtsituation an der Front bedeuten.

3. Bei Saur-Mogila, Schachtersk und Torez gab es heute Stellungskämpfe. Junta versuchte mit Panzereinheiten Richtung Schachtersk und Torez vorzudringen, kam jedoch nicht weit. Im Prinzip spielen diese Kämpfe der Volkswehr in die Hände, da die Junta sinnlos ihre Reseven verpulvert, was in den Bataillonen den Verdacht nährt man würde mit Absicht durch den Fleischwolf gejagt (nach der einen Version durch Kremls Agenten, nach der anderen durch Poroshenkos  Agenten die die radiakalen Elemente los werden wollen). Noch eine Woche solcher Kämpfe und die Junta muss sich auf neue Überraschungen einstellen. Der Südkessel 2.0 wehrt sich noch, aber die Verluste und die Beute dort werden nicht eben gering sein. Die Volkswehr führt Angriffe auf Diakovo durch, wobei den Eingekesselten der selbe Vorschlag wie schon früher unterbreitet wurde - sich Richtung Russsiche Föderation zurück zu ziehen und die Technik zurück zu lassen.

4. Nördlich von Denezk ging der Junta heute endgültig die Puste aus. Der sich totgelaufene Generalangriff konnte lediglich durch Diversionstrupps markiet werden. Währenddessen fand die Volkswehr Reserven um einen Angriff auf Uglegorsk zu starten, welches zwar noch nicht eingenommen wurde, doch für die Junta kaum noch als Aufmarschgebiet für den Angriff auf Enakiewo dienen kann. Die Volkswehr wird versuchen den Ort in den nächsten Tagen einzunehmen, um Gorlovka und Enakiewo aus der Schusslinie zu bringen und eine Zerteilung der Kampfeinheiten hier zu verhindern. Man kann heute bereits mit Sicherheit sagen, dass der Angriff auf Donezk fehl geschlagen ist und eine direkte Gefahr für die Stadt nicht mehr besteht. Dabei wurde der Feind hier nicht nur von Jasinowataja und Uglegorsk zurück geschlagen, sondern es entstand der nächste Mini-Kessel. Der Angriffskeil zwischen Obere und Untere Krinka konnte vernichtet werden, wobei Gefangene genommen und Technik erbeutet wurde. Die Frontlinie bewegt sich langsam Richtung Debaltzewo, welches für die Volkswehr eines der am höchsten priorisierten Ziele ist.

5. Nördlich von Debaltzewo wurde heute ein Überraschungsangrif Richtung Nort-Westen unternommen, wobei die Einheiten bis zu den Vororten von Sewerodonezk vordringen konnten. Gleich darauf kamen übermutige Meldungen, dass Severodonezk und Lisitschansk bald befreit würden, doch die Kräfte der Volkswehr reichen hier nicht aus um gleich zwei große Städte einzunehmen. Auch wenn die Schwäche der ukrainischen Armee an dieser Stelle verschiedene Angriffsmöglichkeiten eröffnet, so ist hier wichtig, dass ein großer Teil der Junta-Kräfte von Lisitschanks zu anderen Frontbereichen abkommandiert wurde - nach Debaltzewo und Jasinowataja, sowie nach Stschastje und Lugansk. Als Folge konnte eine Schwachstelle entdeckt und für einen Angriff ausgenutzt werden, der zu einem Riss in der Frontlinie führte.
Dieser Angriff sowie die Sabotagehandlungen der Diversionstrupps an der Küste zeigen, dass der Feind nicht sehr tief steht und sobald die Frontlinie durchbrochen wird, sich weite Leerräume auftun, wo der Feind kaum Reserven hat. Da die Kräfte der Volkswehr noch nicht ganz ausreichen, führen solche Durchbrüche noch nicht zu definitiven Resultaten. Könnte man
da mit 15-20 Panzern, genau so vielen Schützenpanzern sowie 200-300 Mann Infanterie durch, so könnte man im Rücken des Feindes Städte erobern, doch so weit ist es noch nicht.

6. Der Sturm auf Lugansk ist ist ohne Erfolg geblieben, der Feind wurde von Khraschewo zurück geschlagen. Bei Nowoswetlowsk hält er sich noch, doch es geht hier nur noch um Verteidigung. Die Volkswehr fährt Angriffe auf Lutugino und Stschastje. Sollten diese Orte fallen, würde das eine Katastrophe für die Belagerungstruppen vor Lugansk bedeuten. Diese würden in mehrere Teile zerteilt werden, wobei einige von denen faktisch bereits umzingelt sind. Heute wurde Wolnuchino vom Süden her angegriffen wobei die Diversionsgruppen der Volkswehr bis zu den Vororten von Lutugino vordringen konnten. Der Sinn der Kämpfe hier besteht darin, dass im Falle der Einname von Lutugino die Verbindungstrasse zwischen Lugansk und Krasnij Lutsch komplett befreit wäre, was die Handlungsfreiheit der Lugansker Volkswehr erheblich steigern würde. In dieser Hinsicht sind Lutugino und Debaltzewo Schlüsselpunkte im Verbindungsnetz dieser Gegend und somit hart umkämpft.

Insgesamt ist die Situation weiterhin schwierig, doch der Trend zum Besseren ist da. Auf einer ganzen Reihe der Frontabschnitte sind Angriffe gestartet worden, während sich die Offensive der Junta auf ganzer Linie totgelaufen hat.

http://colonelcassad.livejournal.com/1747647.html