August 20th, 2014

Das Ende der 30. Brigade

Ein Artikel aus den Ukrainischen Medien über das Zerschlagen der 30. Brigade.

http://www.berdichev.biz/content/view/12100/1/

„Ich bin kein Verräter oder Panikmacher. Aber das, was mit der 30. Brigade aus Nowograd-Wolinsk passiert ist, muss in der Öffentlichkeit sein Gehör finden. Das zu verschweigen wäre ein Verrat am Vaterland  und den Jungs, die in Donezker Erde für immer liegen geblieben sind. Verrat an deren Familien und dem Volk, das seine besten Söhne diesen … ***ern mit vielen Sternen auf den Schulterklappen anvertraute. Ich will hier niemanden kritisieren, doch ich will hoffen, dass die Geschichte eines schmächtigen Jungen aus Berditschev, der lebend aus diesen Ereignissen rausgekommen ist, den Ukrainern zu verstehen hilft, dass ein schlechter Offizier schlimmer ist als Yanukowitsch…“

Igor (der Name ist geändert) wurde Ende März in Berditschev eingezogen. „Für 10 Tage, für Militärübungen.“ – so hat man ihm im Wehrersatzamt erklärt. Aus Berditschev kam man nach Nowograd, in die 30. Brigade. Dort hat man schießen geübt – 12 Patronen pro Tag, zwei Wochen lang. Danach gab es Übungen zusammen mit der 26. Brigade. Danach ging es in den Krieg. Die Aufgabe der Einheit war es, den Versorgungskolonnen Deckung zu geben. Man wurde beschossen, doch es ging gut aus. Nur die ausgebrannten Lastwagenwracks markierten den Weg der Soldaten.

Ende Juli wurde die gesamte Brigade in der Siedlung Solnetschnoje Kreis Donezk stationiert. Dort wurde getankt, repariert, aufmunitioniert. Danach ging es weiter zur Siedlung Stepanowka auch im Kreis Donezk. Stepanowka war bereits befreit, doch von den Terroristen ständig aus Mörsern beschossen. Am ersten Tag hat die Brigade bereits 3 Mann dadurch verloren. Man hat seine Quartiere in Kellern bezogen, der Dienst began. Die Aufgabe des Soldaten war: Streife gehen, Blockposten bewachen und eroberte Siedlungen „säubern“.

Die Ereignisse vom 12. August, wird Igor sein Leben lang nicht vergessen. Wenige Stunden vor der Katastrophe hörte er ein Gespräch zweier Artilleristen mit: „Kolja, das ist doch Schmarrn. Wir schießen, aber wechseln unsere Stellungen nicht. Die machen uns doch platt“.“ Geh doch mal zum Kommandeur und sag es ihm. Der hat schon einen Einlauf vom Oberkommando bekommen. Der Befehl sei : „Die Stellung halten““ – war die Antwort des  Anderen. Im Krieg sind alle Regeln mit Blut der getöteten Soldaten geschrieben. Und wenn die Regeln und die Befehle gegen einander arbeiten, wird der Soldat nervös und erwartet das Schlimme. Igor hatte „Glück“, wenn man es überhaupt so nennen kann, er und zwei weitere Soldaten wurden am Abend vorgeschickt, um auszukundschaften wo und wie viele feindliche Truppen sind.

Die Jungs waren drei, vier Kilometer vom Dorf weg, als sie auf eine stehende Kolonne bestehend aus 18 T-90 Panzern trafen. Der Versuch den Kommandeur über Funk zu erreichen, hat ihnen fast das Leben gekostet – drei Panzer sind neben den, im Gras liegenden Soldaten vorbei gefahren. Der nächste hätte die Soldaten fast platt gefahren – „man hätte ihn mit der Hand berühren können“. Nachdem die drei Panzer sich der Kolonne angeschlossen haben und stehen geblieben sind, konnten die Soldaten die Kommandoführung doch erreichen und gaben den Zielquadranten durch für den Artilleriebeschuss. Die Panzer standen etwa eine Stunde da, ohne das auch nur ein Artilleriegeschoss angeflogen kam. Mehr noch, den Panzern schlossen sich mehrere Lastwagen mit Infanterie an und die Einheiten verteilten sich in der Gegend mit dem Ziel das Dorf zu umzingeln. Dann hat der Spähtrupp die Situation noch mal der Kommandoführung durchgegeben – „30 Lastwagen mit Infanterie und 21 T-90 Panzer“. Dieses Mal hat das Kommando reagiert (wie Igor später von den Überlebenden erfahren hat) – es verließ den Ort noch bevor er umzingelt wurde und ließ nur einen Oberstleutnant zurück.

Etwa um 10 Uhr abends begann die Katastrophe. Das Dorf und die Stellungen der darin stationierten Brigade kamen in einen Raketenhagel. Mehr als zwei Stunden zermahlten die „Grad“-Raketenwerfer die Stellungen der 30. Brigade. Danach erledigten Panzer und Infanterie den Rest. Igor ist fest davon überzeugt, dass das russische Truppen waren – „Die Terroristen hatten doch keine T-90“. Danach zogen sich die ukrainischen Einheiten, bzw. das was davon übrig geblieben ist in Richtung Saur-Mogila.

So blieben die drei Soldaten im Rücken der Separatisten. Den ganzen Morgen lagen sie im Feld und beobachteten die Versorgungskolonnen des Feindes. Alle nächtlichen Versuche sich mit der Kommandoführung in Verbindung zu setzen um weitere Anweisungen zu erhalten, schlugen fehl. Das Funkgerät blieb still. Am Morgen erhielten sie die Anweisung sich in Richtung Solnetschnoje zu bewegen. Sie gingen eine Landstraße entlang und trafen auf ein Kleinfahrzeug der Separatisten mit drei Kämpfern darin. Im Laufe des Angriffs – „geschossen wird nur auf Fenster und Türen“ – konnte das Fahrzeug erbeutet werden. Mit dem Fahrzeug kamen sie fast bis zum Solnetschnoje, mussten es aber stehen lassen, nachdem sie unter Mörserbeschuss gerieten. Weiter ging es dann durch die Wälder.

Im Örtchen wartete auf sie der Schock. Im Laufe des Angriffs der Separatisten und der russischen Truppen wurden 18 Panzer, eine Batterie Selbstfahrgeschütze und andere gepanzerte Fahrzeuge vernichtet. Geblieben sind nur zwei Panzer, getroffen doch irgendwie noch fahrtüchtig, und ein Panzeraufklärungsfahrzeug. Es wurden sehr viele getötet. Wie viele genau, wusste man damals noch nicht. Doch die Kommandoführung hat seine Soldaten nicht vergessen und es kam der Befehl Richtung Saur-Mogila auszurücken. Dort kam dann der zweite Teil der Tragödie… Darüber reden kann Igor nicht. Den übriggebliebenen wurde Befohlen zurück nach Nowograd vorzurücken um „die Lebenden zu zählen“. Gezählt hat man 83, von 4500. Weitere 500 sind zur Zeit über die ganze Ukraine verstreut – hauptsächlich Mechaniker, Ärzte, Scharfschützen… Wo all die anderen sind, werden Väter und Kommandeure herausfinden müssen.

Heute ist Igor in Berdnitschev. Ohne Geld, aber am Leben. Was weiter kommt – weiß er nicht. Sie wurden nach Hause geschickt mit den Worten, man würde demnächst entscheiden was mit ihnen weiter passiert. Über das Schicksal der fast 4000 Soldaten und Offiziere der 30. Brigade ist bis jetzt nichts bekannt“.